KI-Agent oder klassische Software? Ein Entscheidungsrahmen für Unternehmensprozesse
Nicht jeder Ablauf braucht einen KI-Agenten. Ein Rahmen, mit dem Sie entscheiden, wo feste Regeln reichen, wo ein KI-Schritt hilft und wo Freigaben nötig sind.
Julius Sorgner, Gründer von Sortex AI Veröffentlicht am 7 Min. Lesezeit
Inhalt 7 Abschnitte
Problem: „KI-Agent“ ist kein Bauplan
Der Begriff KI-Agent wird für sehr unterschiedliche Dinge verwendet: für einen Chat, der Fragen beantwortet, für ein Skript mit einem KI-Baustein und für Systeme, die selbstständig Werkzeuge bedienen. Für eine Entscheidung im Unternehmen ist diese Unschärfe ein Problem. Wer „wir brauchen einen Agenten“ sagt, meint oft etwas, das mit klassischer Software und einem gezielten KI-Schritt einfacher, günstiger und besser prüfbar wäre.
Anthropic, Entwickler des Sprachmodells Claude, unterscheidet in seinem Beitrag „Building effective agents“ zwei Formen: Workflows, bei denen Sprachmodelle und Werkzeuge über vorgegebene Codepfade gesteuert werden, und Agenten, bei denen das Modell seinen Ablauf und die Nutzung von Werkzeugen selbst bestimmt. Die Empfehlung dort lautet sinngemäß, die einfachste Lösung zu suchen und die Komplexität erst zu erhöhen, wenn es nötig ist. Agentische Systeme tauschen laut dem Beitrag oft Geschwindigkeit und Kosten gegen bessere Ergebnisse bei der Aufgabe. Dieser Tausch muss sich lohnen.
Drei Bauweisen im Vergleich
Für die Praxis hilft eine Einteilung in drei Stufen.
Feste Regeln. Klassische Software: Schnittstelle, Import, Prüfregeln. Gleiche Eingabe, gleiches Ergebnis. Geeignet, wenn die Eingaben strukturiert sind, etwa eine E-Rechnung, ein EDI-Auftrag oder ein Export aus der Warenwirtschaft.
Fester Ablauf mit KI-Schritt. Der Ablauf ist vorgegeben, an einer Stelle liest ein Sprachmodell unstrukturierte Angaben, etwa Positionen aus einem PDF oder Mengen aus einer Mail. Was danach passiert, folgt Regeln. Was unsicher wirkt, wird markiert.
Autonomer Agent. Das Modell entscheidet selbst, welche Schritte es in welcher Reihenfolge ausführt und welche Werkzeuge es nutzt, zum Beispiel Mails senden, Datensätze ändern oder im Netz suchen.
Drei Bauweisen und wofür sie sich eignen
Kriterium
Feste Regeln
Ablauf mit KI-Schritt
Autonomer Agent
Eingaben
Strukturiert
Teils unstrukturiert
Offen, wechselnd
Ablauf
Fest
Fest
Vom Modell gewählt
Ergebnis wiederholbar
Ja
Im KI-Schritt nicht immer
Nicht immer
Nachvollziehbarkeit
Hoch
Hoch mit Protokoll
Aufwendig
Typischer Einsatz
Abgleich, Übergabe
Belege lesen
Offene Recherche
Für kaufmännische Abläufe wie Auftragserfassung, Rechnungsprüfung oder das Prüfen von Auftragsbestätigungen ist die mittlere Stufe oft die passende. Wie das bei Bestellungen per Mail aussehen kann, zeigt der Beitrag E-Mail-Bestellungen ins ERP übertragen.
MailPDF-Anhang
Angaben auslesen
Regeln prüfen
Abweichungen markieren
Freigabe durch das TeamÜbergabe ans System
Fester Ablauf mit einem KI-Schritt: Das Modell liest, entscheidet aber nicht über die Übergabe. Gestrichelt: Hier liest KI unstrukturierte Angaben aus.
Entscheidungsrahmen: sieben Kriterien
Die folgenden Fragen helfen, für einen konkreten Ablauf die passende Stufe zu finden.
Struktur der Eingaben. Kommen die Daten maschinenlesbar an, reichen feste Regeln. KI lohnt sich dort, wo sonst ein Mensch lesen müsste.
Fehlerkosten. Was passiert, wenn ein Ergebnis falsch ist? Ein falsch erkannter Liefertermin, der vor der Übergabe geprüft wird, ist ärgerlich. Eine falsche Zahlung oder eine falsche Zusage an einen Kunden ist teuer.
Nachvollziehbarkeit. Müssen Sie später zeigen können, warum ein Vorgang so behandelt wurde, etwa für Buchhaltung oder Prüfung? Regeln lassen sich dokumentieren. Bei einem Agenten muss jeder Schritt protokolliert werden.
Häufigkeit. Bei wenigen Vorgängen pro Woche lohnt sich eine Automatisierung oft nicht, gleich welcher Art.
Ausnahmen. Viele Sonderfälle sprechen nicht automatisch für einen Agenten. Oft ist es besser, Sonderfälle zu erkennen und an das Team zu geben.
Prüfbarkeit. Lässt sich das Ergebnis gegen etwas Festes prüfen, etwa eine Bestellung, eine Preisliste oder einen Stammsatz? Dann kann eine Regel nach dem KI-Schritt viele Fehler abfangen, wenn auch nicht jeden.
Rechte. Was darf das System tun: nur lesen, Entwürfe anlegen oder buchen, senden und ändern? Je weiter die Rechte reichen, desto mehr Absicherung braucht es.
AchtungRechte sind die eigentliche Entscheidung
Entscheidend ist weniger, ob KI im Spiel ist, sondern was das System ohne Rückfrage tun darf. Legen Sie fest, welche Aktionen nur mit Freigabe laufen: Zahlungen, Zusagen an Kunden, Änderungen an Stammdaten, Mails nach außen. Standardmäßig sollten solche Schritte bei Ihrem Team bleiben, bis Sie es anders festlegen.
Auftragsbestätigung von Lieferant BBeispiel mit erfundenen Testdaten, kein Kundenprojekt
Lieferant B schickt zu Bestellung B-2304 eine Auftragsbestätigung als PDF. Der Liefertermin weicht um zwei Wochen ab.
Feste Regeln: Die Bestätigung kommt als strukturierte Datei. Eine Regel vergleicht Termin und Preis mit der Bestellung und markiert die Abweichung.
Ablauf mit KI-Schritt: Die Bestätigung kommt als PDF. Ein Sprachmodell liest Termin, Mengen und Preise aus. Eine Regel vergleicht sie mit der Bestellung, markiert den Termin und legt ihn dem Einkauf vor.
Autonomer Agent: Ein Agent liest die Bestätigung, schreibt dem Lieferanten eine Rückfrage, ändert den Termin in der Warenwirtschaft und informiert den Vertrieb.
Für diesen Fall reicht die mittlere Stufe. Die Rückfrage an den Lieferanten und die Änderung des Termins sind Entscheidungen, die der Einkauf treffen sollte.
Rolle von KI und festen Regeln
Eine sinnvolle Arbeitsteilung sieht so aus: KI liest, was unstrukturiert ankommt, und schlägt Werte vor. Feste Regeln prüfen diese Werte gegen bekannte Daten und entscheiden, ob ein Vorgang durchläuft oder zur Freigabe geht. Die Übergabe an Warenwirtschaft oder Buchhaltung geschieht über definierte Schnittstellen, nicht über freie Aktionen des Modells.
Diese Trennung hat einen praktischen Grund: Sprachmodelle liefern bei gleicher Eingabe nicht zwingend jedes Mal dasselbe Ergebnis. Nachgelagerte Regeln fangen unplausible oder regelwidrige Werte ab, statt sie still weiterzuverarbeiten. Sie erkennen aber nicht jeden Auslesefehler: Liest das Modell 60 statt 600 Stück und sind beide Mengen für den Artikel üblich, ist der Wert formal plausibel. Deshalb gehören Freigaben für risikoreiche Fälle und regelmäßige Stichproben dazu. Ergänzend empfiehlt OWASP als Schutz vor Prompt Injection, klare Ausgabeformate festzulegen und mit deterministischem Code zu prüfen, ob die Ausgaben diesem Format entsprechen. Das sichert die Form, nicht die Richtigkeit der Werte.
Risiken und Schutzmaßnahmen
Prompt Injection
OWASP führt Prompt Injection in den „Top 10 for LLM Applications 2025“ an erster Stelle. Gemeint ist, dass Eingaben das Verhalten eines Sprachmodells auf unbeabsichtigte Weise verändern. Bei der indirekten Variante steckt die Anweisung in externen Inhalten, etwa in einer Website oder einer Datei, die das Modell verarbeitet. Laut OWASP müssen solche Anweisungen für Menschen nicht einmal sichtbar sein.
Für Unternehmensprozesse heißt das: Jede Mail und jedes PDF von außen ist eine mögliche Quelle. Ein Agent, der Lieferantenmails liest und zugleich Mails senden oder Daten ändern darf, ist entsprechend angreifbar. OWASP schreibt, es sei unklar, ob es narrensichere Methoden zur Vorbeugung gibt. Empfohlen werden unter anderem: dem Modell nur die nötigsten Rechte geben, Funktionen im Code ausführen statt sie dem Modell zu überlassen, risikoreiche Aktionen nur mit menschlicher Freigabe zulassen, externe Inhalte klar als solche kennzeichnen und regelmäßig Angriffe simulieren.
Ein fester Ablauf mit KI-Schritt verringert vor allem das Risiko unerlaubter Aktionen, weil das Modell dort nur Werte liefert und keine Aktionen auslöst, solange seine Ausgaben nicht ungeprüft als Anweisungen ausgeführt werden. Beseitigt ist Prompt Injection damit nicht: Eine versteckte Anweisung in einem Dokument kann weiterhin die ausgelesenen Werte verfälschen. Auch deshalb folgen auf den KI-Schritt Prüfregeln und Freigaben.
Fehler, die sich aufsummieren
Anthropic weist darauf hin, dass die Eigenständigkeit von Agenten höhere Kosten und das Risiko sich aufsummierender Fehler mit sich bringt. Ein falscher Zwischenschritt wird zur Grundlage des nächsten. Empfohlen werden dort ausführliche Tests in abgeschotteter Umgebung und geeignete Schutzvorkehrungen. Als übliche Bausteine nennt der Beitrag zudem Haltepunkte für menschliche Rückmeldung und Abbruchbedingungen wie eine Höchstzahl an Durchläufen.
Testen vor dem Einsatz
Ob ein KI-Schritt zuverlässig genug ist, zeigt nur ein Test mit echten Vorgängen aus Ihrem Alltag, gern anonymisiert. Sammeln Sie dafür eine Auswahl typischer und schwieriger Fälle, legen Sie vorher fest, was als richtiges Ergebnis gilt, und vergleichen Sie. Wichtig ist dabei nicht nur, wie oft das System richtig liegt, sondern ob es erkennt, wann es unsicher ist. Wie ein solcher Test in eine Zusammenarbeit eingebettet sein kann, beschreiben wir unter Zusammenarbeit.
Checkliste
Vor der Wahl der Bauweise klären
Welche Eingaben kommen strukturiert an, welche müssen gelesen werden?
Was kostet ein falsches Ergebnis, und wo würde es auffallen?
Gegen welche festen Daten lässt sich jedes Ergebnis prüfen?
Welche Aktionen darf das System ohne Freigabe ausführen, welche nur mit Freigabe?
Welche Rechte braucht das System mindestens, und welche bekommt es nicht?
Wie werden externe Inhalte wie Mails und Anhänge vom Rest getrennt?
Gibt es eine Sammlung echter Testfälle mit festgelegtem Soll-Ergebnis?
Wird jeder Schritt so protokolliert, dass er später nachvollziehbar ist?
Fazit
Die Frage „Agent oder klassische Software“ ist meist eine Frage nach der Aufteilung. Feste Regeln übernehmen alles, was sich prüfen lässt. KI liest dort, wo sonst ein Mensch lesen müsste. Ein autonomer Agent ist für offene Aufgaben gedacht, bei denen sich der Weg nicht vorab festlegen lässt. In kaufmännischen Abläufen mit Geld, Zusagen und Stammdaten lohnt sich dieser Schritt oft nicht. Wer mit der einfachsten passenden Bauweise beginnt, enge Rechte vergibt und an echten Vorgängen testet, kann später immer noch erweitern.
Ein Abgleich gegen den Lieferschein reicht oft nicht. Worauf es beim Abgleich von Rechnung, Bestellung und Wareneingang ankommt und wo Ihr Team entscheiden sollte.
Bestellungen per Mail lassen sich auslesen, prüfen und als Auftragsentwurf vorbereiten. Entscheidend ist, an welchen Stellen Ihr Team freigibt und warum.